Heimschneider-Museum
  • Ehemaliges "Liebsches Gut" aus dem 16. Jahundert.

  • Hauptstraße 3

  • geöffnet: vom 1.Mai bis 30.September jeweils am
    1. Sonntag im Monat von 14:00 0 17:00 Uhr
    und nach Vereinbarung.
    Tel: 0 60 22 / 2 20 70 oder 2 23 89

  •   Heimschneider-Museum
    Die Heimschneiderei in Großwallstadt setzt um 1880 ein. Es ist eine der vielen Heimarbeiten die in diesen Jahren typisch für die deutsche Wirtschaft sind. Vor allem in den Mittelgebirgsregionen sind sie zu finden. Es drängt sich deshalb die Frage auf: Warum? Welche Gründe sind ursächlich für diese Entwicklung? Erbgang in Realteilung hat ein Heer von Klein- und Kleinstbauern zur Folge Die Ursache dieser Entwicklung - nun speziell in der Region Aschaffenburg - fußt auf dem 1755 kodifizierten Mainzer Landrecht, das ab diesem Zeitpunkt den Erbgang in Realteilung vorschreibt. Die Folgen dieser Gesetzgebung zeigen sich in der knapp einhundert Jahre später aufgenommenen Katasterkarte. Deutlich ist die Zersplitterung der Flur zu erkennen. Durch die ständige Teilung der Äcker und den reichen Kindersegen entsteht ein Heer von Klein- und Kleinstbauern, deren Besitz unter dem Existenzminimum liegt. Deshalb werden andere Erwerbsquellen als Zubrot gesucht. Da diese Entwicklung mit der aufblühenden Industrialisierung zusammanfällt, finden die Kinder dieser Kleinbauern Arbeit als Lohnarbeiter. Junge Frauen versuchen als Dienstmädchen in den Haushalten des reichen städtischen Bürgertums unterzukommen. Wer aber noch ein wenig Grundbesitz hat und deshalb am Ort bleiben will, muß sich einen Nebenerwerb suchen, der in Heimarbeit zu bewältigen ist.

    Der Alltag der Kleinhauern und spãteren Heimschneider Die immer kleiner werdenden Ackenflächen müssen landwinschaftlich intensiver genutzt werden Der Kartoffelanbau bringt das Dreifache der Nährwerte des Getreideanbaus. Zudem gedeiht die Kartoffel gerade auf ärmeren Böden und ist relativ unempfindlich gegenüber Wetterschäden, so daß auf regelmäßig gute Ernten zu hoffen ist. Kein Wunder also, daß die Kartoffel ihren Siegeszug antritt. Um den Speiseplan zu vergrößern, wird auch ein kleiner Gemüsegarten bewirtschaftet. Um die so gewonnenen Nahrungsnnittel aufbewahren zu können, werden sie mit llilfe der im 19. Jh. entwickelten Konservierungstechnik haltbar gemacht. Es gibt noch keine Supermärkte. Die Vorratshaltung ist die Überlebensbasis der Familie und auch die Domäne der Frau. Der Beruf der Hausfrau entsteht. Der Alltag der Frau sieht so aus: Kochen auf der Kochmaschine Waschen im Futterkessel Heranschleppen des Wassers. Wechsel von der Schwarz- zur Wohnküche. Einige Kleinbauern haben noch ein Auskommen mit Weinbau, doch auch dieser erfährt im Laufe des 19. Jh. einen dramatischen Rückgang. Am Ende des 19 Jh. kommt er ganz zum Erliegen. Weinfãsser werden nicht mehr gebraucht Transport- und Lagenfãsser werden industriell und damit billiger hergestellt. Daubeneimer, -bütten, zuber und -wannen werden durch die industriell hergestellten Zinkgefäße abgelöst.


    Traditionelle Berufe werden überflüssig Der Beruf des Küfers (Faßbinders) wird überflüssig. Ebenso ergebt es dem Wagner und dem Schmied, deren Handwerk durch die wachsende Industrialisierung und Motorisierung, mit ihrer veränderten Technik überflüssig werden. Neben den typischen Dorfhandwerkern gibt es im Dorf auch eine Reihe kleingewerblicher Handwerker die diese Arbeiten als Nebenerwerb ausführen. Mit der steigenden Verarmung wird der Nebenerwerb zum Haupterwerb. Alle Familienmitglieder müssen sich an der Produktion beteiligen. Es entsteht die Hausindustrie mit eigener Vermarktung durch Hausieren. Mit der Produktion ausschließlich für Handelsgesellschaften wird die Hausindustrie zur Heimarbeit.


    Johann Desch bringt Arbeit nach Großwallstadt Johann Desch, am 27. April 1848 in Glattbach als jüngstes Kind einer Kleinbauernfamilie geboren, beginnt 1862 in Aschaffenburg eine Schneiderlehre, die er 1865 abschließt. 1866 wird er von preusischen Soldaten zum Ausbessem von Uniformen herangezogen. Danach richtet er sich in seinem Heimatort eine Werkstatt ein und beginnt. in sog. stillen Zeiten Anzüge auf Vorrat herzustellen. Dies ist möglich, weil sich die Stoffe durch die Herstellung mit dem mechanischen Webstuhl und der mechanischen Spinnmaschine erheblich verbilligten. Die Nachfrage nach billigen Anzügen ist groß, weil sich das Heer der Fabrikarbeiter sprunghaft vergrößert. So vergibt er 1873 Arbeit als Lohnaufträge an Maßschneiderkollegen in den Nachbarorten. Damit ist Desch zugleich Arbeitgeber und Verleger geworden. Aus Standortgründen verlegt er 1874 den Betrieb nach Aschaffenburg in die Sandgasse 42 und läßt 1874 sein Unternehmen ins Handelsregister eintragen. 1894 wird dieses Gebäude zu klein und er zieht in ein für diese Zwecke gebautes Gebäude direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. 1894 beschäftigt er schon 50 bis 60 Mitarbeiter und 150 Heimschneider. Zahlreiche Konfektionsbetriebe entstehen Sein Beispiel macht Schule. So sind vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges 21 Konfektionsbetriebe dieser Art im Handelsregister der Stadt eingetragen Diese beschäftigen vor allem Zuschneider, die die Einzelteile zuschneiden und den Heimschneidern zum Zusammennähen aushãndigen und die fertige Ware annehmen. Ab 6 km Entfernung von Aschaffenburg beginnt das eigentliche Heimschneidergebiet, in dem 1905 schon fast 80% der 2.200 Konfektionsarbeiter leben. Der geschlossene Familienbetrieb ist zu dieser Zeit in Aschaffenburg noch nicht anzutreffen. Eisenbahn und Elektrizität 1876 wird die Eisenbahnstrecke Aschaffenburg Miltenberg in Betrieb genommen. 1878 wird eine Fährverbindung zwischen Groß- und Kleinwallstadt geschaffen. Damit ist auch Großwallstadt an die Bahnlinie angeschlossen. 1880 sind schon die drei Großwallstädter Maßschneider Karl Scheer, Josef Hess und Franz Faust mit der Konfektion beschäftigt. 1905 bestehen in Großwallstadt 53 Werkstätten, d.h. 53 der 216 Haushalte leben bereits zu diesem Zeitpunkt von der Heimschneiderei. Das sind knapp 25%. Der 1. Weltkrieg bringt Geld durch Uniformnähen. Eine einzigartige Heimschneiderregion 1919 ist in Aschaffenhurg die Zahl der Konfektionsbetriebe auf 28 angewachsen, für die 4.000 Heimschneider arbeiten. 1921 sind es 40 Firmen mit 6.700 Heimarbeitern und 1928 sind es 65 mit 8.000 Heimschneidern. 1936 verdoppelt sich die Anzahl fast und nun arbeiten schon 4.000 Fabrikarbeiter neben 9.500 Heimarbeitern. 1921 brennt in Großwallstadt zum ersten Male das elektrische Licht. Durch den Strom findet auch eine neue Technologie Einzug in die Werkstätten. Einzelne Teilschnitte werden durch Spezialmaschinen ausgeführt. Dadurch wird die Spezialisierung auf bestimmte Produkte festgeschrieben. Nach dem 2. Weltkrieg Nach dem 2 Weltkrieg wird die zerstörte Bekleidungsindustrie durch die Errichtung von Kleiderfabriken wiederaufgebaut. Ehemalige Heimschneider werden zu Kleiderfabrikanten, zum Teil mit eigener Kollektion und eigenem Vertrieb. Der größte Teil arbeitet aber als Zwischenmeister im überkommenen Verlagssystem. Die bevorzugten Arbeitskräfte sind Frauen. Der Heimschneider selbst hat ausgedient. Der gesetzlich geregelte Schutz seiner Arbeit kommt 1951 für ihn zu spät.